Sonntag, 13. März 2011

Weiterreden über tödliche Dinge

In den aktuellen Medienberichten aus dem Erdbeben- und Tsunami-Katastrophengebiet in Japan dominiert die Angst vor der nuklearen Katastrophe. Sogar die NZZ lässt sich in der heutigen Sonntagsausgabe zum Aufmacher „Japan am Rand von Atom-Desaster“ hinreissen. Jetzt reden wir also wieder über die tödlichen Dinge: Strontium, Cäsium, Radioaktivität, die „Atomexperte“ Stefan Füglister von Greenpeace so gern in den Schlagzeilen sieht, weil sie Ängste und damit Aversionen gegen die Kerntechnik schüren oder zumindest bestätigen.

Tatsache ist, dass es sich bei den Ereignissen in Japan um eine Naturkatastrophe handelt, bei der mehr als zehntausend Menschen ihr Leben verloren haben. Nach heutigem Wissensstand ist in der Folge dieser Naturkatastrophe kein Mensch durch nukleare Einwirkung zu Tode gekommen, und ich hege die Hoffnung und wage die Voraussage, dass es dabei bleiben wird.

Die wirkliche Tragödie, der das mediale Augenmerk, unsere Sorge und Anteilnahme gebühren, findet in Japan nicht in und um die Kernkraftwerke statt, auch wenn einzelne davon beschädigt sind, sondern in jenen Krisengebieten, die vom Erdbeben und der darauf folgenden Springflut buchstäblich dem Erdboden gleich gemacht worden sind. Wesentlich für die Krisenbewältigung wäre auch die Frage, wie es mit der Stromversorgung im Land aussieht und mit jenen Kraftwerken, die zurzeit keine Schlagzeilen machen.

Die wirklich relevanten Aspekte des aktuellen Geschehens in Japan werden in der medialen Berichterstattung überschattet durch ein herbeigeredetes Atom-Desaster im Kernkraftwerk Fukushima Daiichi. Von den sechs Reaktoren dieses Werks waren drei zum Zeitpunkt des Erdbebens vom 11. März für geplante Revisionsarbeiten ausser Betrieb. Die anderen drei reagierten auslegungsgemäss mit automatischen Schnellabschaltungen. In dieser Betriebsphase ist entscheidend, dass auch nach Unterbrechung der Kettenreaktion im Reaktorkern die Nachzerfallswäre abgeführt werden kann. Andernfalls überhitzt der Kern und die Kernbrennstäbe nehmen Schaden, was zu einer Kontamination des geschlossenen Kühlkreislaufs mit Spaltprodukten führen kann.

Die Nachwärmeabfuhr bedingt einen aktiven Kühlkreislauf mit elektrischen Pumpen, die im vorliegenden Fall anfänglich von Diesel-Notstromaggregaten angetrieben worden waren. Aus noch ungeklärten Gründen, aber wahrscheinlich infolge Überflutung durch den Tsunami, fielen die Notstromaggregate im Reaktorblock 1 nach etwa einer Stunde Betriebszeit aus. An ihrer Stelle übernahmen Batterien vorübergehend die Stromversorgung der Pumpen, bis zusätzliche mobile Dieselaggregate auf das Werksgelände geschafft werden konnten.

Dennoch scheint es zumindest im Reaktorblock 1, wahrscheinlich aber auch im Block 3, zu Brennstoffschäden gekommen zu sein. Fukushima-Daiichi-1 ist nach Angaben der Internationalen Atomenergieorganisation, IAEO, ein Siedewasserreaktor des Typs BWR/3 von General Electric mit einer elektrischen Nettoleistung von 439 MW. Er steht seit März 1971 in Betrieb und gilt nach heutigen Massstäben als kleiner Reaktor.

Der BWR/3 verfügt offenbar über ein Mark-I-Containment, d.h. über eine Sicherheitsumhüllung aus Stahl und Beton. Die folgende schematische Darstellung des Mark-I-Containments stammt aus einer Publikation der amerikanischen Sicherheitsbehörde US Nuclear Regulatory Commission, NRC.





Medienberichten zufolge ist oberste Teil des Reaktorgebäudes von Fukushima-Daiichi-1 bei einer Wasserstoffexplosion abgesprengt worden. Der illustrativste Bericht dazu stammt von der New York Times. Wasserstoff bildet sich in geringem Ausmass bei laufendem Betrieb in der Kernzone eines Siedewasserreaktors, kann aber auch das Reaktionsprodukt von überhitzter Brennstoffummantelung mit dem Kühlwasser sein. Weiter wird Wasserstoff in der Turbinenhalle zur Kühlung des Generators verwendet. Die genauen Umstände dieser Explosion und die allfällige Quelle des Wasserstoffs sind zurzeit noch unbestätigt.

Wie das oben stehende Schema zeigt, befindet sich oben im Reaktorgebäude ein Zwischenlagerbecken für abgebrannten Brennstoff. Beim Betrachten der beschädigten Gebäudehülle von Reaktorblock 1 stellt sich die Frage, ob sich zum Zeitpunkt der Explosion darin Brennstoff befunden hat und wenn ja, wie es darum steht.

Wesentlich ist die Aussage des japanischen Betreibers der Anlage Fukushima Daiichi, TEPCO, dass die Sicherheitshüllen (Containments) der Blöcke 1, 2 und 3 intakt sind – die Explosion in Block 1 hat sich ausserhalb der Sicherheitshülle ereignet. Auch wenn es zu Brennstoffschäden gekommen sein sollte, und dafür sprechen die Indizien, halten damit als zweite Barriere der Reaktorbehälter (im obigen Schemabild braun) und als dritte Barriere die birnenförmige Sicherheitshülle aus Stahl und Beton.

Gemäss üblicherweise sehr zuverlässigen Berichten der Nachrichtenagentur NucNet haben bei den Blöcken 1 und 3 kontrollierte Druckentlastungen der Containments stattgefunden und in beide Reaktoren wird Meerwasser unter Zugabe von Bor als Neutronenfänger zur Notkühlung eingespiesen. Das dürfte zielführend sein, aber für beide Reaktoreinheiten das definitive Ende ihrer 40-jährigen Betriebsphase bedeuten.

Der von den Medien und „Atom-Experten“ immer wieder bemühte Vergleich der jetzigen Situation in Japan mit dem Reaktorunfall 1986 von Tschernobyl ist sachlich falsch. Er dient allein der Angstmache. Zutreffend ist hingegen der Vergleich mit dem schweren Störfall von 1979 im US-Kraftwerk Three Mile Island. Der damalige Vorfall wurde auf der Schweregrad-Skala Ines (International Nuclear Event Scale) als „Unfall mit Gefährdung der Umgebung“ eingestuft (Stufe 5). Die aktuelle Situation in Fukushima Daiichi gilt demgegenüber vorerst als „Unfall ohne signifikante Gefährdung der Umgebung“ (Stufe 4).

Zuverlässige Informationsquellen über die weitere Entwicklung der Situation in den japanischen Kernkraftwerken sind:

Kommentare:

Anonym hat gesagt…

Der "Atomexperte" Stefan Füglister ist gelernter Fotograf und Verlagsbuchhändler. War aber auch schon Strassenbauer, Hilfspfleger oder Journalist. Und Koch. Ausserdem hat er als Besetzer das AkW-Kaiseraugst mitverhindert (Quelle kampagnenforun). Worin seine Expertise besteht ist somit klar, er will um jeden Preis Atomkraftwerke verhindern. Und im SF wird er natürlich als grosser Atomexperte gefeiert und nicht kritisch hinterfragt. Wieso braucht es diese Panikmache???

rittiner gomez hat gesagt…

das überleben der offiziell verstrahlten akw mitarbeiter ist alles ander als sicher und das aller anderen arbeiter und feuerwehrmänner die im einsatz ist sehr ungewiss.