Dienstag, 26. August 2008

Wadenbiss durch Pinguin

Der Steffisburger Präsident des Vereins „Wilhelm Tux“, Kampagne für Freie Software, Theo Schmidt, nimmt aktuelle Betriebsstörungen im Thuner Schulnetz zum Anlass für einen Leserbrief im Thuner Tagblatt vom 21. August 2008. Darin schreibt er: „Unser Verein […] durfte damals dem Stadtrat und der Projektleitung darstellen, wie mit Freier Open-Source-Software (FOSS) kostengünstigere und zuverlässigere Lösungen möglich wären, sei es mit Linux- statt Windows-Servern oder mit einzelnen Programmen wie beispielsweise Open Office statt Microsoft Office. Trotzdem wurde dies abgelehnt.“

Schmidt nimmt damit Bezug auf einen Kreditbeschluss des Thuner Stadtrats von 2005 für den Ausbau der IT-Infrastruktur an den Thuner Volksschulen. Und was in seinem Leserbrief nach Einladung an seinen Verein zur Präsentation von Lösungsvarianten auf der Basis von Freier Software im Stadtrat klingt, waren in Wirklichkeit seine spontanen Lobbying-Aktivitäten bei den einzelnen Ratsmitgliedern, was tatsächlich nicht verboten ist.

Unter dem Titel „Facts“ schreibt Wilhelm Tux auf der Website des Vereins: „Kaum ein Thema in der Informationstechnologie birgt ein derart reichhaltiges Angebot an Für und Wider, an heissblütigen, manchmal auch ideologischen Manifesten zugunsten und zu Ungunsten Freier Software. Befürworter und Gegner werfen sich gegenseitig Teil- und Unwahrheiten an den Kopf, sodass die Frage berechtigt ist, welcher Anteil an Fakten in der Diskussion übrigbleibt.“ Ganz im Sinne dieser Frage nimmt es Schmidt mit der Wahrheit selbst nicht allzu genau, wenn er schreibt: „Die Genfer Schulen möchten allein durch Open Office statt MS Office 300‘000 Franken pro Jahr sparen und gleichzeitig moderne Standardformate unterstützen, was MS Office noch nicht kann.“ Tatsache ist, dass die aktuelle Version 2007 von Microsoft Office mit OOXML, PDF, XPS und ODF alle gängigen modernen Dateiformate schreiben kann – entweder out-of-the-box oder mittels kostenloser Plug-ins. Ob Schmidt neben PDF und ODF ein anderes Format als „Standard“ gelten lässt, bleibt offen. Zumindest hat seine Bewegung für Freie Software unter Federführung der Free Software Foundation die ISO-Standardisierung von OOXML, dem natürlichen Dateiformat von MS Office 2007, weltweit sehr aktiv bekämpft.

Wo in der Ideologie von Wilhelm Tux der Frosch die Locken hat, zeigt das Manifest des Vereins in der Rubrik „Freier Wettbewerb und Ordnungspolitik“: „Gegenwärtig wird der Software-Markt von einem Hersteller in monopolartiger Weise dominiert. Andere Anbieter werden durch eine äusserst aggressive Marktpolitik dieses Herstellers verdrängt, andere Technologien gelangen somit nicht bis zu den Anwendern/Anwenderinnen.“ Ob damit wohl IBM, SAP, Oracle, SAS, CA – oder doch Microsoft – gemeint ist? Wie auch immer, entweder hat man bei Wilhelm Tux ein sehr enges Verständnis des Software-Markts oder schiesst aus anderen Gründen ganz gezielt auf die Firma Microsoft.

Die öffentliche Intervention von Theo Schmidt suggeriert zu Unrecht, auf der Basis einer bestimmten IT-Technologie liessen sich Betriebsstörungen vermeiden. Wer’s glaubt, wird selig. Oder nach Joh 20,29: „Selig sind, die nicht sehen und doch glauben!“

Kommentare:

Matthias Kestenholz hat gesagt…

Möchten Sie lieber einen einige hundert Seiten langen Dokumentstandard, welcher durch mehrere Softwarepakete implementiert wird (ODF), oder einen mehrere tausend Seiten langen Standard, welcher nicht mal von der Firma des Autors vollständig unterstützt wird (OOXML)?

Die Antwort ist klar, denke ich.

Thunesier hat gesagt…

@Matthias Kestenholz: Ich habe nicht die Frage aufgeworfen, ob es entweder ODF oder OOXML geben soll. Diese Frage wird immer wieder von den Gegnern von OOXML so gestellt. Sie ist etwa so müssig wie die Frage, ob ich lieber ein Fahrrad haben möchte oder einen PW neuester Generation mit Hybridantrieb. Natürlich ist die Bauanleitung für das zweite Vehikel wesentlich komplexer, und im Gegensatz zum Fahrrad könnte ich es nicht mehr selbst warten. Beides sind Fahrzeuge, aber nicht in allen Belangen vergleich- und vertauschbar.

Die aktuelle Version von OOXML ist entstanden, nachdem Microsoft Office 2007 auf den Markt gebracht hat. Microsoft hat sich öffentlich dazu verpflichtet, Abweichungen ihrer Office-Produkte vom werdenden ISO-Standard für OOXML als Fehler zu anerkennen und zu beheben.

Matthias Kestenholz hat gesagt…

Es müsste doch möglich sein, wenigstens ein verwaltungsinternes Standard-Datenformat auszuwählen -- und OOXML ist dabei ein direkter Konkurrent des ODF. Der Kampf für eines und gegen das andere ist also keineswegs inkonsequent oder voreingenommen, sondern viel einfacher erklärbar.

Ihre Velo- und PW-Analogie erstaunt mich ein wenig. Es ist nicht so, dass OOXML soviel mehr Features als ODF hätte, wenn überhaupt. OOXML schleppt die ganze Kompatibilität mit der Vergangenheit mit, was ODF nicht nötig hat, da es ein neues Format ist und nicht eine mehr oder weniger direkte Übersetzung der binären MS-Office Dateiformate in ein XML-basiertes Format.

Die Verwendung dieser Analogie ist irreführend. Der Vergleich zwischen einem 30-jährigen Auto, welches immer wieder mehr schlecht als recht erweitert und repariert wurde (OOXML) und einem Hybridfahrzeug mit neuster Technologie (ODF) wäre da einiges treffender.

Von Politiker zu Politiker muss ich zudem sagen, dass Sie im letzten Absatz eine ziemliche Blauäugigkeit an den Tag legen. Microsoft hat mehrmals bewiesen, dass sie sich mehr schlecht als recht an Standards halten können, warum sollte dies ausgerechnet jetzt anders sein? Zudem sind einige der vorhandenen Fehler oder Inkompatibilitäten prinzipieller Natur und können nicht durch einen kurzen Patch behoben werden...

Thunesier hat gesagt…

Über bildhafte Vergleiche lässt sich ja trefflich streiten. Bundesrat Moritz Leuenberger hat einmal schlagfertig in einer Parlamentsdebatte gesagt: „Nicht alles was hinkt ist ein Vergleich.“ Eine Vertiefung der Diskussion um Bilder lohnt sich selten, aber ich gebe gerne zu, dass man durchaus darüber diskutieren kann.

Ich würde nicht sagen, OOXML „schleppe die ganze Kompatibilität mit der Vergangenheit mit.“ Vielmehr sind es die bisherigen Anwender von MS Office-Applikationen, welche die „Vergangenheit“ in Form von teils umfangreichen Beständen von proprietär formatierten Dokumenten, Präsentationen und Kalkulationstabellen in die Zukunft retten möchten. OOXML bietet hier einen wünschenswerten Migrationspfad an und ist auch dafür ausgelegt. ODF ist nicht dafür ausgelegt, kommt dafür aber wesentlich schlanker daher.

Sicher ist für Microsoft der Umgang mit einem internationalen Standard neu, der für ein Hauptprodukt des Unternehmens so zentral ist wie OOXML für Office 2007 und zukünftige Versionen. Die Firma hat sich spät und wohl nur unter Marktdruck dazu entschlossen, die Kontrolle über dieses Format aus der Hand zu geben. Blauäugigkeit muss ich mir in der Einschätzung von OOXML dennoch nicht vorwerfen. Ich habe im Februar 2008 die Delegation der Schweizerischen Normenvereinigung an das ISO/IEC Ballot Resolution Meeting über den Standardentwurf DIS 29500 (OOXML) in Genf geleitet und nötige Korrekturen am Standard dort selbst mitentschieden. Zudem leite ich eine Softwarefirma, die zuweilen OOXML-Applikationen realisiert.

In der ganzen weltweiten Kontroverse um die ISO-Standardisierung von OOXML geht es viel weniger um technische Vor- und Nachteile als um harte wirtschaftliche Interessen. Matthias Kestenholz verwendet nicht von ungefähr und auch nicht zu Unrecht das Wort „Kampf“ dafür. In meinem Beitrag habe ich mich dagegen verwehrt, dass Kritiker wie Theo Schmidt Stabilitäts- und Sicherheitsüberlegungen gegen Microsoft-Produkte vorschieben und mangelnde Standardisierung anprangern, während genau diese Standardisierung von genau denselben Kreisen aktiv bekämpft wird.

Matthias Kestenholz hat gesagt…

Bin mit vielem einverstanden, ich würde nur nicht sagen, dass die Standardisierung bekämpft wird -- es ist eher so, dass Entwickler von Open-Source-Alternativen ein Interesse an genauen Standards haben, und deshalb im Sinne der Interoperabilität einen langen Standardisierungsprozess in Kauf nehmen -- um später nicht auf Reverse Engineering angewiesen zu sein.

(Natürlich gibt es auch die Fanboys, welche reines Microsoft-Bashing betreiben, aber es rendiert sich überhaupt nicht, über diese zu sprechen. Mir ist wichtig, dass es auch Meinungen zwischen den Fanboys UND Ihrer Position gibt.)