Sonntag, 31. August 2008

Thuner Strom: Rhapsodie in grau

Die neuen Stromprodukte der Energie Thun AG sind da und werden ab 1. Januar 2009 im Versorgungsgebiet des Unternehmens geliefert. Es sind dies

  • „Graustrom“
  • „Blaustrom“
  • Thuner AAREstrom
  • Thuner Solarstrom
„Graustrom“ definiert das Unternehmen als Strom aus nicht erneuerbaren Energien (Kernkraft, fossile Energieträger) oder unbekannter Herkunft. „Blaustrom“ ist zu 97.5% Elektrizität aus Wasserkraft und zu 2.5% aus so genannten neuen erneuerbaren Energien. „AAREstrom“ produziert die Energie Thun AG selbst in ihrem Laufkraftwerk an der Aare in Thun. Wer sich als Kunde nicht wehrt, wird ab Neujahr automatisch mit „Blaustrom“ beliefert, der 1 Rappen pro Kilowattstunde teurer ist als „Graustrom“. Soweit das Produktmanagement der Energie Thun AG.

„Graustrom“ weckt Assoziationen. An „Grauzone“: Weder gut noch schlecht, zumindest noch nicht nachweislich schlecht – sonst dürfte man’s ja nicht verkaufen; undefinierbar. An „graue Energie“: Verdeckter Energieaufwand. An „grau“ wie schmutzig. An „Grauen“: Da ist Atom drin, mir graut davor… Ebenso weckt „Blaustrom“ Assoziationen. „Blau“ wie der Thunersee und die saubere Aare. An der schönen blauen Donau. „Blau“ wie der Blaue Planet: Inbegriff für unsere Existenzgrundlage. Soweit das Produktmarketing der Energie Thun AG.

Nun zu den Realitäten. Rund 46% des von der Energie Thun AG gelieferten Stroms stammt aus Kernkraft. Rund 6% des Stroms stammt aus nicht überprüfbaren Quellen. Das heisst, dass etwa die Hälfte des in Thun verbrauchten Stroms „Graustrom“ ist. Der Rest stammt aus Wasserkraft (38%) und Abfällen (9%). Solarstrom und fossil erzeugter Strom existieren bisher faktisch nur in den Unternehmensbroschüren, nicht aber im Leitungsnetz.

Mit Ausnahme von „Graustrom“ bezeichnet die Energie Thun AG ihre anderen drei Produkte völlig willkürlich als „CO2-frei“. In umfangreichen Lebenszyklusanalysen von Stromproduktionsanlagen sind aber folgende Emissionswerte für Treibhausgase in Gramm-Äquivalenten CO2/kWh erhoben worden [Frans H. Koch, Hydropower – Internalised Costs and Externalised Benefits, in Externalities and Energy Policy: The Life Cycle Analysis Approach, Workshop Proceedings, Paris, 15.-16. November 2001, OECD/NEA]:
Technologieg/kWh
Wasserkraft2 - 48
Kernkraft2 - 59
Windkraft7 - 124
Photovoltaik13 - 731
Erdgas (GUD)389 - 511
Kohle (modern)790 - 1‘182

Das heisst für alle praktischen Belange und über die ganze Lebensdauer eines entsprechenden Elektrizitätswerks gesehen (und im Falle der Kernkraft über den ganzen Kernbrennstoffkreislauf von der Mine bis zum Endlager) sind Wasserkraft und Kernkraft bezüglich Treibhausgasemissionen pro erzeugter Kilowattstunde vergleichbar – und wesentlich emissionsärmer als Windturbinen und Photovoltaikanlagen. Nimmt man andere Schadstoffemissionen hinzu wie etwa SO2, NOx, flüchtige organische Verbindungen neben Methan, oder Partikelstoffe, dann akzentuiert sich das Bild von der vergleichbar sauberen Wasser- und Kernkraft noch, und die anderen Technologien fallen klar ab.

Das Marketing der Energie Thun AG setzt auf die Suggestivkraft der Farben und ein zweifelhaftes Label, um zweit-, dritt- und viertrangige Stromprodukte hochzuspielen. Ich lasse mir den ebenso sauberen Atomstrom nicht „vergrauen“ und werde aus Überzeugung „Graustrom“ bestellen.

Kommentare:

theo.schmidt hat gesagt…

Atomstrom ist natürlich keinesfalls sauber, besonders was die Produktion und Wiederaufbereitung von Uran angeht. Auch die Entsorgung der Abfälle ist noch praktisch nirgends gelöst. Beim Betrieb der AKWs existieren ungedeckte Risiken.

Thunesier hat gesagt…

Herr Schmidt, mein Literaturhinweis zeigt auf umfassende Lebenszyklusanalysen, in denen alle Phasen der jeweiligen Brennstoffkreisläufe einbezogen wurden. Im Fall der Kernenergie sind das auch der Uranabbau in Minen, die Konversion, die Anreicherung, die Wiederaufarbeitung und die Endlagerung. In den angegebenen Emissionswerten sind diese Phasen enthalten. Es gibt kaum ein Energiesystem, das derart umfassend untersucht und dokumentiert ist, wie die Kernenergie. Betrachtet wurde nicht bloss Kohlendioxid, sondern auch Emissionen von anderen Schadstoffen und die Strahlenbelastung. Hier habe ich bloss die CO2-Werte herausgegriffen, weil das Thema die postulierte CO2-Freiheit war.

theo.schmidt hat gesagt…

Danke, Herr Hädener! Einverstanden, die Nukleartechnik ist gut dokumentiert, der CO2 Faktor ist nicht der schlechteste und auch z.B. bei der Photovoltaik gibt es versteckte Kosten, die es zu berücksichtigen gibt. Aber die Nukleartechnik ist trotzdem nur etwas für jene, die gewillt sind, die Schäden und Risiken der Radioaktivität von der Allgemeinheit abdecken zu lassen. Das sind einerseits Schäden, die dauernd stattfinden, vor allem dort wo Uran abgebaut und wiederaufbereitet wird, und andererseits sehr kleine Risiken von Ereignissen mit sehr grosser Tragweite, also GAUs. Diese sind nicht versicherbar und werden deshalb von uns allen getragen, ob wir Atomstrom konsumieren wollen oder nicht. D.h. der Atomstrom ist zu billig. Auch so ist er ein Irrweg, denn er wird immer teurer, während z.B. Photovoltaik immer billiger wird.